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Posaunentöne

Dennoch gibt es durchaus Veranlassung sich noch einmal einige der gehörten Töne in Erinnerung zu rufen. Dies beginnt bereits bei der Begrüßungsansprache von Dr. Martina Wenker, der Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK). Mit Blick auf die etwa 20 Prozent in den nächsten Jahren ausscheidenden Ärzte* thematisierte sie den Ärztemangel und die Ansprüche der nachwachsenden Ärztegeneration. Wenker greift die soziologische Differenzierung der derzeit in Deutschland aktiven Ärztegenerationen auf, nach der die Jahrgänge 1945 bis 1955 der Wirtschaftswundergeneration (im Osten wohl besser als Nachkriegsgeneration bezeichnet), die Jahrgänge 1956 bis 1965 den Babyboomern, die Jahrgänge 1966 bis 1985 der Generation X und nach 1985 der Generation Y zuzuordnen sind. Der Wandel in der Einstellung zum Beruf lässt sich in Thesen ausdrücken. Für die Nachkriegsgeneration gilt: „Wir bekommen durch harte Arbeit Anerkennung und Wohlstand.“ Die Babyboomer: „Arbeit ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, der mir Befriedigung verschafft.“ Die Generation X: „Wo wir sind ist vorne. Erst die Karriere, dann die Familie.“ Die Vorstellungen der Generation Y über planbare und flexible Arbeitszeiten, Tätigkeit im Team und in vernetzten Strukturen und die Vereinbarung von Familie und Beruf lassen sich in der These „Arbeit ist schön, aber nicht das ganze Leben“ zusammenfassen. Die Präsidentin fordert sodann eine positive Willkommensgeneration für die jungen Ärzte, aber auch für ausländische Kollegen, ein und wünscht sich eine ehrliche Wertschätzungskultur der ärztlichen Tätigkeit.

Wie erwartet (vgl. Ärzteblatt M-V, Heft 6/2013, S. 200) hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr seine Rede mit einer Erfolgsbilanz seines Ministeriums begonnen. Versorgungsstrukturgesetz, Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, Approbationsordnung, Notfallsanitätergesetz und Patientenrechtegesetz wurden ausdrücklich genannt – letzteres löste die einzige und auch nur verhaltene Unmutsäußerung des Auditoriums aus. Grund dafür sind sicher die überbordenden Dokumentationspflichten. In seiner Rede hatte der Gesundheitsminister die teilweise Abschaffung der Regresse, den Wegfall der Praxisgebühr und eine Vereinfachung (?) der Dokumentationspflichten als Erfolg der Koalition gewertet. Klar wandte sich der Minister gegen eine Einheitskasse, die den Versicherten zum Bittsteller macht. Der hohe Standard der medizinischen Versorgung in Deutschland lässt sich nur mit einem Versicherungssystem aufrecht erhalten, das auf Vielfalt setze und den Ansprüchen der Versicherten gerecht werde. Das klare Votum für ein duales Krankenversicherungssystem mit einer gestärkten PKV verband Bahr mit einer ebenso klaren Ablehnung der Bürgerversicherung.

Der Minister sieht zwei Herausforderungen für das deutsche Gesundheitssystem – den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel. Er fordert verstärkte sektorenübergreifende Kooperation, einen Wettbewerb um die beste Arbeitsorganisation in den Krankenhäusern und bessere Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Man müsse auch über die Substitution ärztlicher Aufgaben nachdenken. Ausdrücklich begrüßte Daniel Bahr die Projektskizze der Ärzteschaft zur Zukunft der Krankenversicherung. In diesem Zusammenhang lobte er, dass die BÄK den Kontakt zur PKV nie habe abreißen lassen und erkannte den Reformbedarf der Gebührenordnung Ärzte (GOÄ) an. Insgesamt war aus der Rede des Bundesgesundheitsministers die Wahlkampf-Posaune, wenn auch moderat, so doch deutlich herauszuhören.

In vielen Fragen zeigte das Referat zur Gesundheits-, Sozial- und ärztlichen Berufspolitik des Präsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery weitgehende Übereinstimmung mit dem Minister. Dazu gehören die Bekämpfung von Korruption und ärztlichem Fehlverhalten. Während Bahr die Strafbarkeit im Sozialgesetzbuch verankern will, fordert Montgomery ein Antikorruptionsgesetz, das jedoch keine Lex specialis nur für Ärzte sein dürfe. Es müsse alle für das Gesundheitswesen relevanten Berufsgruppen und auch die Krankenkassen erfassen und sowohl Korrupte wie auch Korrumpierende bestrafen. Gleichzeitig wendet sich der BÄK-Präsident gegen die Verallgemeinerung von Einzelfällen. Montgomery verweist auf die Tatsache, dass der Bundestag einmal mehr die Ratifizierung der Konvention der Vereinten Nationen gegen Korruption abgelehnt hat, die sich gegen Abgeordnetenbestechung richtet. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Begrifflichkeit: Bei Ärzten ist es Korruption, bei Entertainern im Fernsehen ist es Schleichwerbung und bei Abgeordneten geht es um Nebeneinnahmen, die transparent verbucht werden müssen.

„Ärztefehler sind kein Ärztepfusch.“ stellt Montgomery fest und fordert von den Medien eine saubere Recherche und eine ausgewogene Berichterstattung. Er verweist auf funktionierende Fehlervermeidungssysteme und eine Studie der Innungskrankenkassen, nach der 87 Prozent der Bürger mit ihrem Arzt / ihrer Ärztin zufrieden sind und nur neun Prozent eine Zwei-Klassen-Medizin beklagen. Kampagnen zur Desavouierung der Ärzteschaft (wir haben es Diffamierung genannt) vor dem Ärztetag bezeichnet er bereits als üblich und benennt die Behauptung des GKV-Spitzenverbandes über falsche Klinikabrechnungen und die Fehlerstatistik des MDK als Beispiele.

„Die Ökonomisierung im Gesundheitswesen schreitet ungebrochen voran.“, lautet eine weitere Feststellung. Die medizinische Leistungsfähigkeit, die Qualität der Patientenversorgung und die Humanität der Daseinsvorsorge treten hinter ökonomische Kategorien, wie Markt und Wettbewerb, wie Budgets, Pauschalen und Regresse zurück. Mit solchen Instrumenten versuchen die Krankenkassen, Einfluss auf die Steuerung ärztlicher Behandlung zu erlangen. Wie viel Markt die Medizin verträgt, wurde dann im weiteren Verlauf des Ärztetages exploriert.

Der Präsident des DÄT bedauerte ausdrücklich den Vertrauensverlust, den die Organspende durch den Skandal erlitten hat und stellt fest, dass die Transplantationsmedizin in Deutschland noch nie so sicher war wie heute. Es gelte durch Aufklärung und Information für neues Vertrauen zu werben. Montgomery sieht gute Chancen ein mit der PKV abgestimmtes gemeinsames Model für die Reform der Gebührenordnung Ärzte (GOÄ) vorzulegen. Unter Hinweis auf die Inflationsrate und Anpassungen in den Gebührenordnungen der Tierärzte und Rechtsanwälte fordert er sofort einen Inflationsausgleich von 12 Prozent für die geltende GOÄ.

Mit weiteren Posaunen- (besser: Fanfaren-) Stößen führt der Präsident sodann in die Themen Weiterbildungs- und Berufsordnung ein. (Mehr dazu im Bericht über den Verlauf des DÄT „Ende gut, alles gut – ?“ in diesem Heft). Abschließend erläutert Montgomery ausführlich die –
einem Auftrag des Nürnberger Ärztetages folgend – von der BÄK entwickelte Skizze zur Zukunft der Finanzierung der Krankenversicherung und stellt fest, dass es beiden Säulen – GKV wie PKV – eigentlich gut gehe. Es sei unstreitig das am besten funktionierende System der Welt. Mit der Skizze soll die „Entwicklung dieses Systems in einer älter werdenden Gesellschaft mit zunehmenden medizinischen Chancen und Möglichkeiten“ befördert werden. Für die Diskussion werden sieben Punkte vorgelegt, die sich mit den Stichworten duales Versicherungssystem, Gesundheitsbeitrag, Solidarausgleich aus dem (umstrukturierten) Gesundheitsfond, fester Arbeitgeberanteil und Gesundheitssparkonto umreißen lassen.

Übrigens sind beide Posaunisten, pardon: Redner mit angemessenem Beifall bedacht worden – Montgomery verdientermaßen etwas mehr immer dann, wenn er Balsam auf die ärztliche Seele goss.

Fester Bestandteil jeder Ärztetagseröffnung sind die Totenehrung und die Verleihung der Paracelsus-Medaille. Stellvertretend für Viele wurde aus Mecklenburg-Vorpommern – von Posaunentönen untermalt – dem Gründungsmitglied unserer Kammer Prof. Dr. Hans Troeger² und dem vormaligen Chefarzt der Medizinischen Klinik in Schwerin Dr. Gerhart Hafemeister³ gedacht. Mit der höchsten Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft wurden Prof. Dr. med. Dr. phil. Siegfried Borelli (München), Prof. Dr. med. Hermann Hepp (München), Prof. Dr. med. Christel Taube (Halle/Saale) und Prof. Dr. med. Hans-Joachim Woitowitz (Gießen) geehrt. Die Laudationes sind im Heft 22 des Deutschen Ärzteblattes abgedruckt.

Eine beeindruckende Zahl internationaler Gäste hat den 116. Deutschen Ärztetag besucht, darunter die Präsidenten des Weltärztebundes Dr. Cecil Wilson, der American Medical Association Dr. Jeremy Lazarus und des Israelischen Ärzteverbandes Dr. Leonid Eidelmann.

Das Posaunenoktett unterstützte auch den Gesang der Nationalhymne, mit dem traditionell die Eröffnungsveranstaltung zu Ende ging. Eines hat diese Veranstaltung gezeigt: Die Posaune ist ein sehr ausdrucksvolles Instrument; Posaunen werden wohl eher wahrgenommen als Flötentöne.

Dr. Wilfried Schimanke 

*Pluralformen werden in diesem Beitrag geschlechtsneutral gebraucht und bezeichnen sowohl Frauen als auch Männer
²Nachruf im Ärzteblatt M-V Heft 1/2013
³Nachruf im Ärzteblatt M-V Heft 4/2013


Auf dem Weg zur Eröffnung des 116. DÄT

Der Kuppelsaal des HCC bietet 3.600 Gästen Platz

Das Posaunenoktett der Musikhochschule Hannover unter der Leitung von Prof. Jonas Bylund

Die Prominenz der 1. Reihe (v. l.): Hannovers Bürgermeister Bernd Strauch, Admiralarzt Dr. Stephan Apel, Bundesminister Daniel Bahr, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Dr. Martina Wenker, Präsidentin der ÄK Niedersachsen

Mit der Paracelsus-Medaille geehrt (v. l.): Prof. Borelli, Prof. Woitowitz, Prof. Christel Taube und Prof. Hepp

Referat zur Gesundheits-, Sozial- und ärztlichen Berufspolitik von DÄT-Präsident Prof. Montgomery

„Einigkeit und Recht und Freiheit …“

Begrüßung durch die gastgebende Kammerpräsidentin Dr. Martina Wenker

Grußansprache des Bundesgesundheitsministers Daniel Bahr
 

 

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