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Einladung zur Fortbildungsveranstaltung "Herzauskultation - interaktiver Praxiskurs"

Die Kunst der Herzauskultation darf nicht sterben

Im Jahr 2005 titelte „Die Zeit“: „Das vergessene Spiel der Ventile“.
Im Text heißt es: „Viel zu selten hören die Hausärzte die Herzen ihrer Patienten noch ab – droht einer der höchst entwickelten ärztlichen Untersuchungskünste das Vergessen?“
Diese Frage muss leider bejaht werden. 1993 wurde in den USA eine bundesweite Erhebung zur Herzauskultation durchgeführt (S. Mangione et al., Ann.Int.Med.119:47,1993).

Gemessen wurde die Kompetenz, korrekte Herzauskultationsbefunde zu erheben. Diese lag bei Kardiologen zwischen 0 und 56 %, bei niedergelassenen Ärzten zwischen 2 und 36,8 %. Ein vernichtendes Ergebnis, das in den USA viel Aufsehen erregte, letztlich aber dazu führte, dass die Auskultation des Herzens wieder intensiv gelehrt, gepflegt und auch abgeprüft wird.

In unseren Arztpraxen und Krankenhäusern sieht es heute leider nicht besser aus. Wenn sich im Aufnahmebefund oder im Arztbericht überhaupt ein Herzauskultationsbefund findet, ist er meist sehr knapp. Der dokumentierte Auskultationsbefund stimmt nur selten mit dem überein, was das geschulte Ohr desjenigen wahrnimmt, der diese Kunst noch richtig beherrscht. Meist fällt es aber nicht auf, weil es fast niemanden mehr gibt, der diese Referenzfunktion noch besetzen kann.

Wie ist es dazu gekommen, dass eine höchstentwickelte ärztliche Kompetenz unterging, mit deren Hilfe Diagnosen gestellt wurden, die sogar von Herzchirurgen anerkannt wurden, die daraufhin die Patienten operierten?

Kaum ein anderes medizinisches Fach hat sich in den letzten 30 Jahren so gründlich von einem rein konservativ-diagnostischen Gebiet zu einer maximal invasiven und interventionellen Disziplin gewandelt wie die Kardiologie. Die faszinierenden technischen Möglichkeiten führten unwillkürlich zu einer kompletten Abkehr der Kardiologen von dem, was sie früher als Elite der ärztlichen Diagnosekünstler hervorstechen ließ: Der höchstentwickelten klinisch-ärztlichen Fähigkeit, bis zur Perfektion korrekte Diagnosen stellen zu können durch Einsatz der Anamnese und der körperlichen Untersuchung, unterstützt lediglich durch die Befundung des EKG, einer konventionellen Röntgenaufnahme des Thorax und der Carotispulskurve.

Leider hatte diese Abkehr einen unschönen Nebeneffekt: Dadurch, dass die Kardiologen die Herzauskultation praktisch nicht mehr betrieben und selbst die Befähigung dazu verloren, gab es schlussendlich kaum noch Lehrer, die allen anderen Ärzten, auch Studenten, die Herzauskultation vermitteln konnten. So kam es, dass diese ehemals höchstentwickelte ärztliche Kunst innerhalb von ca. drei Jahrzehnten über die gesamte Breite aller Mediziner in unserem Land mittlerweile fast komplett verloren gegangen ist.

„Na und ...?“ sagen insbesondere viele Kardiologen. „Wir haben doch das Echo.“
Richtig. Aber haben wir das Echo immer und überall, zu jeder Zeit an jedem Ort, im Notfall, im NAW, in der Hausarztpraxis? Das Stethoskop ist immer und überall sofort einsetzbar und liefert hervorragende Informationen an den Arzt – wenn dieser gelernt und geübt hat, diese akustischen Phänomene korrekt zu interpretieren und für die schnelle Diagnosefindung einzusetzen.

Auch das Echokardiographieren muss man lernen und regelmäßig üben. Jederzeit und ubiquitär einsetzbar ist es aber nicht. Das Echo sollte als weiterführendes Diagnostikum nach einer klinisch erstellten Arbeitsdiagnose verwendet werden, es soll und kann aber auch nicht das Stethoskop ersetzen.
Kein Arzt darf sich von technischen Apparaten abhängig machen. Leider sind auch diese nicht unfehlbar. Sie werden von Ärzten angewendet, die ebenfalls nicht unfehlbar sind.

Wer soll die Ergebnisse der apparativen Diagnostik überprüfen, Irrtümer (zumindest weitestgehend) ausschließen? Wenn der Kliniker nicht mehr in der Lage ist, die apparativ erstellte Diagnose mit der Anamnese, dem klinischen Befund und Basisbefunden (z. B. EKG) abzugleichen und einer Plausibilitätskontrolle zu unterziehen – worin besteht dann noch seine ärztliche Kunst?
Jeder Arzt sollte das klinisch erfasste Krankheitsbild mit den technischen Befunden vergleichen und ggf. nicht stimmige Befunde entlarven können. Diese Verantwortung muss er wahrnehmen, damit der Patient nicht durch womöglich falsche therapeutische Entscheidungen zu Schaden kommt.
Dem einen oder der anderen mag dies überspitzt klingen. Leider spreche ich hier reale Fälle an, die mir in meiner klinischen Tätigkeit regelmäßig begegnen. Immer wieder führen aufgedeckte Diskrepanzen zwischen apparativer und klinischer Diagnose zu einer Korrektur in der Therapieentscheidung – zum Vorteil des Patienten.

Nicht zuletzt gibt es auch ökonomische Argumente für die Herzauskultation, wie überhaupt für eine möglichst hoch entwickelte klinisch-ärztliche Fachkompetenz. Die teuerste Medizin ist die Anwendung der „Schrotschussdiagnostik“ des klinisch unsicheren Arztes in seinem Bemühen, ja nichts zu übersehen.

Der versierte Kliniker erstellt mit sorgfältiger Anamnese und körperlicher Untersuchung, einigen Laborwerten, EKG und Thoraxröntgenbild wenige eingegrenzte Differentialdiagnosen, die es ihm erlauben, ganz gezielt nur die unbedingt notwendige apparative Diagnostik einzusetzen, um zur richtigen Diagnose zu finden. Das erspart dem Gesundheitswesen Verschwendung von Ressourcen und dem Patienten überflüssige, z. T. belastende Diagnostik.

Das Plädoyer ist klar und eindeutig: Die Auskultation des Herzens muss reaktiviert und erhalten werden. Sie ist ein unverzichtbarer Teil der klinischen Untersuchung, den alle Ärzte, insbesondere aber Hausärzte, Internisten, Intensiv- und Notfallmediziner beherrschen sollten.

In der heutigen Zeit der Verfügbarkeit von Echo u. a. apparativ-diagnostischen Möglichkeiten kann der Umfang des Auskultationsspektrums sicher kleiner gehalten werden, als es unsere altvorderen kardiologischen Großmeister beherrschten. Ein Screening auf die wichtigsten und häufigsten kardialen Erkrankungen sollte jedoch ebenso möglich sein wie die Beurteilung der Herzauskultation in Notfallsituationen.

Dr. med. Volker Bohlscheid
Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg

Herzauskultation – interaktiver Praxiskurs

Termin: 27.11.2013, 15:00 – 18:30 Uhr

Ort: Hörsaal, Ärztekammer M-V, August-Bebel-Str. 9 a, 18055 Rostock

Leitung: Herr Dr. med. V. Bohlscheid

Anmeldung: Ärztekammer M-V, Referat Fortbildung, August-Bebel-Str. 9 a, 
                       18055 Rostock

Tel.: 0381 49280-42, -43, -44, -46

Fax: 0381 4928040

E-Mail: fortbildung@aek-mv.de

Die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern vergibt für die Teilnahme an der Fortbildung vier Fortbildungspunkte.
 

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Ansprechpartner Presse und Öffentlichkeitsarbeit

Benjamin Rausch
0381 492 80 17

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